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Kampfhunde und Kinder

Vermutlich jeder hat von den beiden aktuellen Angriffen sogenannter „Kampfhunde“ auf Menschen gehört. Zugegeben, es ist wirklich eine schaurige Vorstellung. Schnell ist daher der Ruf nach einem Verbot dieser Hunde groß. Insbesondere bei Familien mit Kindern, gilt es immer mehr als unverantwortlich, einen „Kampfhund“ auch nur in die Nähe zu lassen? Doch wird man manchmal das Gefühl nicht los, dass die Medien hier mal wieder ein wunderbares Opfer für Schlagzeilen gefunden haben… Sind Kampfhunde wirklich so schlimm wie ihr Ruf? Oder werden eher aus Sensationslust Ängste geschürt?

Was sind eigentlich Kampfhunde?

Ursprünglich wurden Kampfhunde speziell für Hundekämpfe gezüchtet, daher auch die Bezeichnung „Kampfhund“. Es handelte sich dabei zunächst nicht um eine bestimmte Rasse, sondern um Hunde, die über gewisse Eigenschaften verfügten. Dass dazu eine hohe Aggression gegenüber Menschen gehörte, stimmt jedoch nicht – ganz im Gegenteil! Die Hunde sollten für Kämpfe stärkere Aggression gegenüber Artgenossen zeigen, mussten sich aber im Kampf jederzeit von den Hundebesitzern trennen lassen. Somit war eine erhöhte Aggression Menschen gegenüber sogar unerwünscht – „Zuverlässigkeit“ wurde dies genannt. Zudem mussten diese Hunde damals auf engem Raum mit der Familie und den Kindern leben, bei besonders aggressiven Tieren wäre das wohl kaum möglich gewesen.

Heutzutage werden bestimmte Hunderassen als Kampfhunde bezeichnet und als „gefährlich“ oder „potentiell gefährlich“ auf Rasselisten gesetzt, daher auch die Bezeichnung „Listenhund“. Zu diesen Rassen gehören der Staffordshire Bullterrier, American Staffordshire Terrier, American Pit Bull Terrier, Bullterrier sowie Mischlingshunde dieser Rassen. Zum Teil stehen auch noch weitere Hunde auf der Liste, das regelt jedes Bundesland für sich. Wichtig ist hervorzuheben, dass diese Hunderassen sozusagen unter einen Generalverdacht gestellt werden, ganz egal ob sie friedlich und umgänglich sind oder tatsächlich aggressives Verhalten an den Tag legen. Zwar können über sogenannte Wesenstest in einigen Fällen Erleichterungen erreicht werden, aber die Vorurteile und Ängste der Bevölkerung gegenüber diesen Hunden ist allein durch die Einstufung als Listenhunde bereits forciert.

Sind Kampfhunde wirklich aggressiver und gefährlicher als „normale Hunde“?

Entgegen der weit verbreiteten Meinung sind „Kampfhunde“ grundsätzlich nicht gefährlicher oder aggressiver als „normale Hunde“. Viele Hundetrainer betonen, dass das Training und der Umgang mit Listenhunden grundsätzlich gleich abläuft und keine besonderen Vorsichtsmaßnahmen zu treffen sind. Bei diesen Rassen, aber grundsätzlich bei allen Hunden ist es wichtig, dass sie von fachkundigen Menschen gehalten werden, um nicht durch Unwissenheit unerwünschtes Verhalten zu verursachen. Hunde benötigen einen liebevollen und spielerischen aber auch konsequenten und strengen Umgang. Grundsätzlich kann jeder Hund aggressiv gemacht werden, unabhängig von der Rasse.

Jede Rasse wird für bestimmte Zwecke gezüchtet und hat ihre besonderen Eigenschaften. Diese besonderen Eigenschaften und Zuchtziele sind bei den Listenhunden jedoch ganz anders wie von vielen vermutet:

Staffordshire Bull Terrier

Staffordshire Bull Terrier

Zu den vorrangingen Zuchtzielen gehören – laut Rassestandard – neben hoher Intelligenz eine ausgeprägte Kinder- und Menschenfreundlichkeit. Für viele überraschend: In Großbritannien ist der Staffordshire Bull Terrier eine der am häufigsten vorkommenden Hunderassen und der Familienhund schlechthin.

American Staffordshire Terrier

American Staffordshire Terrier
Nach einem offiziellen Verbot von Hundekämpfen auch in den USA, haben sich die Zuchtziele dieser Rasse geändert und sie werden vorwiegend für Ausstellungen gezüchtet. Diese Hunderasse gilt als intelligent, wachsam und ausdauernd, nicht zuletzt aber auch als besonders anhänglich und verspielt.

Bull Terrier

Bull Terrier
Nach dem Ende der Kampfhund-Ära Mitte des 19. Jahrhunderts wurde aus dieser Rasse ein beliebter Begleiter für alle Altersklassen. Er ist selbstbewusst und robust und gilt als sehr menschenfreundlich und empfindsam. Dennoch ist eine konsequente Erziehung wichtig, da er dazu neigt, ihm Anvertrautes bis zum bitteren Ende zu verteidigen.

American Pit Bull Terrier

American Pit Bull Terrier
Bei Kennern ist er als intelligenter und sanftmütiger Hund bekannt, der sich besonders gut als Familienhund und eher nicht als Wachhund eignet.

Offizielle Beißstatistiken überraschen und beweisen eindeutig, dass Listenhunde nicht gefährlicher sind als andere Rassen. Aus diesem Grund werden Rasselisten in einigen Bundesländern bereits wieder abgeschafft. Als Kriterium für die Einstufung eines Hundes als „gefährlich“ sollten Tatsachen, wie nachweislich aggressives Verhalten, tatsächliche Vorfälle und ähnliches gelten. Bestimmte Rassen unter Generalverdacht zu stellen ist der falsche Ansatz.

Statistiken widerlegen ein höheres Risiko durch Listenhunde

Wirft man einen Blick auf offizielle Statistiken, ist der Anteil der Kampfhunde bei Übergriffen auf Menschen verschwindend gering. Mit großem Abstand führen Mischlinge und Schäferhunde die Statistik an, doch wer würde einen „Kommissar Rex“ als böse bezeichnen…

Durch Aggression auffällig gewordene Hunde

die Beißliste

 

Tödliche Beißunfälle

Von 1999 bis 2009 starben jährlich im Durchschnitt lediglich 3,6 Personen durch einen Hund.

Eine Beispielrechnung Im Jahr 2010 wurden in Deutschland insgesamt 858.768 Todesfälle gemeldet. Der Anteil der durchschnittlich pro Jahr durch Hunde verursachten Todesfälle liegt bei 0,000419 %. Das entspricht nicht einmal 1 % aller Fälle von Mord- und Totschlag.*

Tödliche Beißunfälle

Wann wird/ist ein Hund gefährlich?

Übergriffe von Hunden sind grundsätzlich auf die gleichen Faktoren zurückzuführen:

– Misshandlung des Tieres

– Antrainierte Aggressivität

– Gestörtes Sozialverhalten durch unsachgemäße Haltung/Behandlung

– Mangelnde Sozialisierung

– Keine Erziehung

– Falsche Erziehung

– Falsche Deutung des Hundeverhaltens durch den Menschen

– Hund fühlt sich in die Enge getrieben

– Unterforderung – auch ein Hund muss Stress abbauen

– Überforderung – auch ein Mensch ist aggressiver, wenn er gestresst ist

– Der Hund verteidigt sein Territorium/Fressen

– Der Hund hat körperliche und/oder seelische Schmerzen

Alle diese Punkte haben eine gemeinsame Schnittmenge: Falsche Behandlung des Tieres durch den Menschen aufgrund von Unwissenheit oder Vorsatz. Kein Hund wird als Bestie geboren, sondern, wenn überhaupt, durch Menschenhand dazu gemacht. Und wer ganz ehrlich ist, sieht, dass die Gründe für aggressives Verhalten bei Hunden den Ursachen beim Menschen ähnlicher sind als vielen bewusst ist.

Ist es unverantwortlich einen Kampfhund als Familienhund zu halten?

Familien mit kleinen Kinder brauchen ein dickes Fell, wenn sie sich für einen Listenhund als Familienhund entscheiden. Der Grund dafür ist jedoch nicht das Tier an sich, das „seine Babys“ meist innig liebt. Nein, das Problem sind das Halbwissen und die durch Rasselisten verstärkten Vorurteile diesen Tieren gegenüber. Insbesondere die als Listenhund geführten Rassen sind aufgrund ihrer Charaktereigenschaften die perfekten Familienhunde. Sie sind intelligent, wachsam, kinder- und menschenfreundlich, wachsam, anhänglich und verspielt. Diese Eigenschaften sind bei ihnen sogar häufig deutlich stärker ausgeprägt als bei Hunden, die als „gut“ oder als typischer Familienhund bezeichnet werden.

Gerade Hunde dieser „gefährlichen“ Rassen mögen Kinder, was nicht bei jeder Hunderasse selbstverständlich ist, da nicht alle gleich gut mit lauten Geräuschen und schnellen Bewegungen umgehen können. Das ist für Listenhunde jedoch in der Regel kein wirkliches Problem.

Was muss bei einem Kampfhund als Familienhund beachtet werden?

Grundsätzlich gelten die gleichen Regeln wie jedem Hund. Der Hund sollte seine Besitzer eindeutig als Alphatiere akzeptieren und problemlos gehorchen. Verhaltensweisen, wie das Verteidigen „seines Territoriums“, „seines Futters“ und „seines Spielzeugs“ sollten von Anfang an durch korrektes Training unterbunden werden. Bei korrekter Erziehung und ohne bereits durch Vorerfahrungen erlittene Verhaltensstörungen, gliedert sich jeder Hund als erwachsenes Rudeltier und Helfer in seine Familie ein. Menschlicher Nachwuchs ist in diesem Fall kein Problem. Ganz im Gegenteil: Ein korrekt sozialisierter Hund erkennt Kinder als Jungtiere, die außer Konkurrenz stehen und stattdessen beaufsichtigt werden müssen.

Wesenstest – Pflicht für einen Kampfhund, der als Familienhund gehalten wird?

Bei jedem Familienhund, sollte darauf geachtet werden, dass er kein gestörtes Sozialverhalten an den Tag legt. Das kann, muss aber nicht, unter Umständen bei Hunden problematisch sein, die aus schlechten Verhältnissen übernommen werden. Grundsätzlich liegt das Aggressionspotential von „Kampfhunden“ Menschen gegenüber deutlich niedriger, als das von vielen Hunderassen, die nicht als „gefährlich“ eingestuft werden.

Ein Wesenstest für Listenhunde ist dennoch in einigen Fällen zu empfehlen, wenn mit großer Wahrscheinlichkeit Erleichterungen für den Hund erreicht werden können. Vielen nicht bewusst ist, dass die Hunde bei diesem Test mit aggressivem Verhalten, Überraschungen und schnellen Bewegungen konfrontiert werden, bei denen sich – Hand aufs Herz – wohl auch der ein oder andere Mensch reflexartig wehren würde. Dennoch bleiben gerade die oft als bösartig verurteilten Hunde in diesen Situationen überraschend ruhig und gelassen.

Kampfhunde sind besser als ihr Ruf

Die Angst der Bevölkerung vor Hunden verstärkt sich immer mehr. Das dürfte jedoch eher weniger an dem tatsächlichen Risiko liegen, das von Hunden ausgeht, sondern vielmehr an allgemeiner Unwissenheit und Verunsicherung. Angst vor Hunden und Tieren im Allgemeinen wird Kindern häufig schon in jungen Jahren durch ängstliche Eltern beigebracht. Laut offiziellen Statistiken ist die Wahrscheinlichkeit, durch einen Hundeangriff getötet zu werden, in etwa so groß, wie von einem Blitz getroffen zu werden. Die tatsächliche Häufigkeit von Übergriffen wird leider durch Medien dramatisch verzerrt – Angst verkauft sich gut…

Vergessen wird dabei, wie viele Hunde den Menschen jeden Tag als treuer Begleiter, Helfer und sogar Lebensretter zur Seite stehen. Das „Raubtier Mensch“ hingegen hat unverhältnismäßig mehr menschliche Opfer auf dem Gewissen als die treuen Vierbeiner, streng genommen sind Hunde eigentlich die besseren Menschen. Insbesondere Kampfhunde stehen zu unrecht auf der „Liste der Geächteten“, wie jede offizielle Statistik beweist. Wer einmal mit unvoreingenommenem Blick einen „gefährlichen Kampfhund“ beim Kuscheln und Beaufsichtigen des menschlichen Nachwuchs beobachtet, wird schnell zu zweifeln beginnen, ob der schlechte Ruf diesen Hunden zurecht vorauseilt.

Fazit – Sind Kampfhunde als Familienhunde geeignet?

Entgegen der allgemeinen Meinung sind „Kampfhunde“ nicht aggressiver und gefährlicher als andere Hunde. Aufgrund ihres Charakters sind sie sogar deutlich bessere Familienhunde als viele Rassen, die ganz selbstverständlich in Familien mit Kindern leben. Kein Hund greift ohne Grund „sein eigenes Rudel“ an und kein Hund ist von Natur aus bösartig. Leider ist es traurige Wahrheit, dass diese Tiere uns auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind. Nicht jeder Hund hat das Glück, in liebevolle und verständnisvolle Menschenhände zu geraten. Böse Erfahrungen und Misshandlungen aus der Vergangenheit prägen einen Hund. Dabei ist es jedoch vollkommen egal, welcher Rasse er angehört.

Häufig liegt das Problem vor allem in der mangelnden oder falschen Kommunikation mit den Tieren. Hunde, die ohne Vorwarnung angreifen, sind eine Ausnahme. Aus ihrer Sicht machen sie dem menschlichen Gegenüber hinreichend klar, dass der Mensch bei ihm nun eine Grenze überschreitet, er Angst hat, Schmerz empfindet oder sich in die Enge getrieben fühlt. Das Problem ist in aller Regel der Mensch, der sich keine Mühe macht, die Sprache des Hundes zu verstehen und in der Erziehung keine klaren Grenzen steckt, die der Hund verstehen und somit auch akzeptieren kann.

Ein ganz klares JA zu „Kampfhunden“ als liebevolle und emphatische Familienhunde. Statt Vorurteile zu stärken, wäre es wichtiger, Hundehalter zu schulen und Sachkundetests in Theorie und Praxis zur Pflicht zu machen, um das Verständnis der Besitzer für das Verhalten ihres Hundes zu fördern, menschliches Fehlverhalten im Umgang zu vermeiden und somit großes Mensch- und Tierleiden zu vermeiden.

Zum Abschluss ein paar Worte, die bei aller Entrüstung und den Hasstiraden gegen „bösartige“ Hunde vergessen wird:

„Die Tiere empfinden wie der Mensch Freude und Schmerz, Glück und Unglück; sie werden durch dieselben Gemütsbewegungen betroffen wie wir.“ – Charles Darwin

*Quelle: http://tmp.tierschutzverein-freiburg.de/informationen/listenhunde/statistiken.html

 

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